Home > Verein > Geschichte

Geschichte

Aus dem Leben eines Bürgerbusses

Zu meinem 10. Geburtstag möchte ich die Gelegenheit nutzen, den Bürgerbusbetrieb aus meiner Sicht zu schildern.

Bevor ich überhaupt zum Einsatz kam, haben sich einige schlaue Leute  aus Kettwig zusammengesetzt und überlegt, wie man den Bürgern unseres schönen Stadtteiles Kettwig helfen kann, besser in die Kettwiger Innenstadt zu kommen, um dort ihre Einkäufe, Arztbesuche oder sonstigen Besorgungen zu erledigen.. Besonders die älteren Mitbürger aus den Vororten Ickten, Schmachtenberg und Vor der Brücke hatten Schwierigkeiten , ohne eigenen fahrbaren Untersatz  in die Innenstadt zu gelangen, da die vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittel nur über die Durchgangsstraßen führen und - wegen der engen Straßen - nicht die Wohngebiete bedienen können.

Sehr bald kam man auf die Idee, als Ergänzung der vorhandenen Buslinien einen zusätzlichen öffentlichen Nahverkehr mit einem kleinen Bus, der auch durch die engsten Straßen fahren kann, zu ergänzen. Damit begann ein lang andauernder und mühsamer Behördenweg.

Es musste
  • ein Verein gegründet werden,
  • die erforderlichen Wirtschaftsmittel, mit denen ich finanziert werden sollte, mussten beantragt werden,
  • die Streckenführung, auf der ich fahren sollte, musste mit drei verschiedenen Verkehrsunternehmen abgestimmt werden, ebenso der Fahrplan,
  • die Essener Verkehrs AG musste dazu überredet werden, die Betreuung und Überwachung  unseres Betriebs zu übernehmen,
  • und schließlich musste ich auch noch  bestellt werden.
Gleichzeitig mussten Fahrerinnen und Fahrer gesucht werden, die bereit waren,  mich künftig ehrenamtlich zwölf Stunden täglich durch Kettwig zu steuern. Durch Zeitungsaufrufe unseres Vorsitzenden Wolfgang Orlowski in der örtlichen Presse wurde dieses Problem recht schnell gelöst.  Es fanden sich vierzig Freiwillige, die geradezu darauf brannten, mich kennen zu lernen. Diese Vorfreude dauerte leider fast zwei Jahre. Im August 2001 wurde ich dann endlich bestellt und - wie das nun mal bei der Geburt so ist - dauerte es auch hier neun Monate, bis ich endlich am 17. Mai 2002  als nagelneuer Bürgerbus auf dem Bürgermeister-Fiedler-Platz mit einem Festakt der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Die "Geburt" erwies sich als sehr anstrengend, da ich ja eigentlich als Lieferwagen angefertigt wurde. Doch dann wurde ich - zu meiner Überraschung - durch aufwendige Umbauarbeiten zu einem Bürgerbus umgestaltet. Einzelheiten hierzu erspare ich mir; ich weiß nur noch, dass ich erst am 17. Mai 2002  noch vom TÜV zugelassen worden bin  und total gestresst zur Eröffnungsfeier ankam. Der Empfang war großartig und ich wurde nicht nur mit festlichen Ansprachen sondern auch  mit Gottes Segen auf meine neue Aufgabe vorbereitet.



Für die Verschönerung meines Äußeren sorgten zahlreiche Werbungen von Kettwiger Sponsoren. Diese sind für den Verein sehr nützlich, denn schließlich kostet mein Unterhalt auch ziemlich viel Geld.

Am Dienstag nach Pfingsten fing dann für mich der Ernst des Lebens an. Herr Pippereit hatte mit viel Sorgfalt einen Einsatzplan aufgestellt, in dem die Fahrerinnen und Fahrer, die sich alle vier Stunden ablösen sollten, eingetragen waren. Für mich war das noch sehr gewöhnungsbedürftig, dass sich alle vier Stunden jemand anderer auf meinen Fahrersitz setzte und ich dann von 8:00 Uhr bis 20:00 Uhr (Beim Fahrplanwechsel musste ich eine halbe Stunde früher aufstehen) immer die gleiche Strecke fahren musste- und das zum größten Teil nur mit Tempo 30 km/h! Die Strecke ist sehr anspruchsvoll; die Straßen sind sehr eng und es geht oft steil bergauf und bergab, wodurch sowohl mein Getriebe als auch meine Bremsen sehr stark beansprucht werden.

Das wichtigste bei unserem Betrieb sind natürlich die Fahrgäste. Ich wurde von den Kettwigern sehr schnell angenommen. Im Jahre 2002 fuhren bereits 56 Fahrgäste täglich mit. Damit hatte niemand wirklich gerechnet. Hinzu kommt noch, dass sich viele Fahrgäste sehr positiv über mein Erscheinen geäußert haben; sie waren richtig glücklich, dass es mich endlich gab. Es bildete sich sehr schnell ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen den Fahrgästen und den Fahrerinnen / Fahrern. Letztere helfen den Fahrgästen beim Ein- und Aussteigen und tragen ihnen sogar noch ihre schweren Einkaufswagen und Taschen  - zum Teil bis vor die Haustür. Auch Kinderwagen und Rollatoren werden bei mir eingeladen. Inzwischen kenne ich auch viele Gebrechen, Krankheiten und Erlebnisse meiner Fahrgäste. Aber die bleiben natürlich geheim; Diskretion ist bei uns Ehrensache. Ich höre während meiner "Dienstzeit" auch die neuesten Nachrichten aus Kettwig bevor sie in der Zeitung stehen. Inzwischen sind die Fahrgastzahlen auf 100 je Tag angestiegen.

Im allgemeinen fahre ich auch immer sehr pünktlich, gäbe es da nicht oft lästige Baustellen, Umleitungen oder Müllfahrzeuge, die mir den Weg versperren. An Markttagen kommt es wegen des regen Betriebes zu Verzögerungen. Das lässt sich leider nicht vermeiden und wird von den Fahrgästen verständnisvoll aufgenommen.

Bei meinen Fahrerinnen und Fahrern gibt es gewaltige Unterschiede- nicht nur vom Gewicht her, nein, auch von der Fahrweise. Die meisten von ihnen sind meine Freunde und behandeln mich wie ein rohes Ei; einige andere sind da schon etwas ruppiger und so manches mal musste ich um mein empfindliches Fahrgestell bangen.



Wegen der vielen Engpässe sind auch schon sehr häufig  meine Ohren (Außenspiegel) beschädigt worden. Meine Breite wird oft noch unterschätzt.

Außerdem leide ich unter enormen Verschleißerscheinungen. Ich muss häufig in die Werkstatt um Vorsorgeuntersuchungen, Bremsenaustausch, Blechschäden oder TÜV-Abnahmen über mich ergehen zu lassen.

 Mein größtes Glück ist mein Betreuer Hans Gerlach. Er nimmt jede geringste Veränderung des Fahrverhaltens und jedes Geräusch sofort wahr und fährt mit mir zur Werkstatt der Firma Lueg. Dort kennt man mich bestens, und ich genieße eine bevorzugte Behandlung. Da man hier meine Wichtigkeit sehr ernst nimmt, werde ich sofort bedient. Hans - wir sind inzwischen  "per du" -  bleibt meist ganz in meiner Nähe, um mir bei den Reparaturen beizustehen. Häufig begleitet ihn sogar seine Frau Uschi, damit die nächtlichen Wartestunden in der Werkstatt  nicht allzu lang werden.

Ab und zu werde ich auch fotografiert. Da gibt es einmal die geplanten Fototermine anlässlich verschiedener Ehrungen oder besonderer Ereignisse, an denen auch die Presse teilnimmt  und die dann noch ganz plötzlich auftretenden Schnappschüsse bei Geschwindigkeitskontrollen. Bei letzteren sehe ich auch ganz gut aus, die geblitzten Fahrer finden das gar nicht so lustig, denn sie müssen für das Bild sogar noch bezahlen.

Am meisten freut mich, dass die Fahrgäste sich bis zum heutigen Tag immer wieder lobend über mein Dasein aussprechen und sich gar nicht mehr vorstellen können, wie sie ihre täglichen Besorgungen ohne mich ausführen können. Ein solches Lob freut mich natürlich sehr, und ich werde mir größte Mühe geben, auch weiterhin die Erwartungen meiner Fahrgäste erfüllen zu können. An die Fahrerinnen und Fahrer  möchte ich die Bitte aussprechen, dass sie mich noch sorgfältiger behandeln, damit ich mein Versprechen den Fahrgästen gegenüber auch erfüllen kann.

Ich hoffe, dass ich auch mit zunehmendem Alter rüstig bleibe und zur Zufriedenheit sowohl der Fahrgäste als auch der Fahrerinnen und Fahrer meinen Dienst verrichten kann.

Wenn mich abends der letzte Fahrer in meine Garage bei Keil bringt,  genieße ich meinen verdienten Feierabend. Ich freue mich aber schon auf den nächsten Tag mit neuen Geschichten und Abenteuern.

Der Bürgerbus

PS: Da ich selbst nicht schreiben kann, habe ich Herrn Jürgen Dusse gebeten, die Schreibarbeit für mich zu übernehmen. Danke dafür!